Seltsame Berührungen

Leseprobe: Kapitel 8 – Dunkelheit

„Wir müssen anhalten, bevor es dunkel wird“, sagte Carlo zu mir, nachdem wir schon seit vielen Stunden durch die Zentral-Kalahari gefahren waren. Er saß am Steuer eines neuen Geländewagens, mit dem wir uns langsam über sandige Pisten vorwärts bewegt hatten, ohne ein Auto oder überhaupt einen Menschen zu treffen – nur grasende Antilopen, große Herden von ihnen, sahen wir in der Ferne. In der trockenen Mittagshitze tauchte plötzlich eine Gruppe Buschhühner mitten auf der Sandpiste auf und blockierte unsere Weiterfahrt, so als ob sie noch nie einen brummenden Geländewagen gehört oder gesehen hätten. In der Morgenkühle waren wir heute früh in Xade losgefahren auf der Suche nach den letzten herumziehenden Buschmännern oder San, wie sich selbst nennen. In Xade hatte uns ein San den Weg zu einer Buschmannsiedlung im Süden beschrieben, zu der wir nun unterwegs waren, aber das einzige Zeichen menschlicher Existenz, das wir auf unserem Weg gesehen hatten, war eine verlassene Hütte aus Stroh.

Seltsame Berührungen

Wir stoppten also und begannen, Holz für das Lagerfeuer zu sammeln. Carlo ging nach links, ich nach rechts. „Bleiben sie in der Nähe des Lagers!“, rief er mir zu, während ich an stacheligen Sträuchern vorbeiging, auf der Hut, mich nicht in ihnen zu verfangen. Ich spürte, wie es immer kühler wurde, und am Horizont sah ich, wie sich die Sonne zunehmend über Bäume und Sträucher senkte. War sie am frühen Nachmittag noch eine weißgelbe Scheibe, so hatte sie sich mittlerweile in einen tiefroten Kreis verwandelt, der mich bedrohlich anstarrte.

Nachdem ich einige Zweige gesammelt hatte, kehrte ich ins Lager zurück. Carlo war schon da und hatte ein Feuer gemacht. „Lassen sie uns die Zelte aufbauen!“, sagte er. Links vor das Feuer stellten wir zunächst meins hin und rammten die Pflöcke, die ihm Halt gaben, in den Boden. Während ich meine Reisetaschen aus dem Jeep holte und in mein Zelt brachte, baute Carlo sein Zelt auf. Rechts hinter das Feuer platzierte er es, direkt vor einen Baum. Er nahm zwei große Gepäckkisten aus dem Geländewagen, mit denen er die linke und die rechte Seite seines Zeltes verbarrikadierte. Dabei summte er unablässig ein altes Lied, das ich kannte und mochte, dessen Titel mir jedoch nicht einfiel. Als er die letzte Kiste vor sein Zelt gewuchtet hatte, drehte er sich zu mir um und sah mich mit seinem bärtigen Gesicht an, so als ob er mich fragen wollte: „Na, weißt du, was ich da summe?“. Als ich sein summendes Gesicht sah, fiel mir plötzlich der Titel des Liedes ein: „The Lion Sleeps Tonight“. Mir war, als spürte ich die Kälte noch deutlicher. Ich drehte mich zurück zu meinem Zelt und sah, wie am Horizont die blutrote Sonne hinter grabschwarzen Büschen und Bäumen verschwand.

Ich bückte mich und kroch in das Zelt. Hastig öffnete ich die Reißverschlüsse meiner beiden Reisetaschen und suchte meine Regenjacke, die ich zum Schutz gegen die Kälte anziehen wollte. „Was für eine wunderbar praktische Form!“ dachte ich, als ich die zu einer kleinen Tasche zusammengefaltete Jacke auseinander faltete und anzog. Ich ging durch die Dunkelheit zum wärmenden Feuer. Carlo war schon da und kochte das Abendessen. Er öffnete Konservendosen, schüttete den Inhalt in den Topf, den er auf das Feuer gestellt hatte, und verrührte ihn mit einem Löffel. „Wollen sie einen Teller?“, fragte er mich, während ich mich auf den von ihm hingestellten Campingstuhl setzte. „Nein, danke“, antwortete ich, „heute abend nicht“. Dabei hielt ich eine Büchse Linseneintopf hoch, die ich zusammen mit der Regenjacke aus meinen Taschen genommen hatte. Zum Erwärmen stellte ich sie ins Feuer neben seinen Topf. Während wir warteten, rückte ich meinen wackeligen Campingstuhl näher ans Feuer und rieb meine kalten Finger gegeneinander. Ich spürte, wie sie warm wurden, obwohl mein übriger Körper immer noch fror.

Schweigend löffelten Carlo und ich unser Abendessen aus mitgebrachten Messingtellern. Jedes Mal, wenn ich von meinem Teller und vom Feuer hochsah, war mir, als lösten sich die Silhouetten der Sträucher und Bäume in einer immer schwärzer und kälter werdenden Nacht auf. Ich merkte, wie ich auch innerlich fröstelte. Daran konnte auch der majestä­tische Nachthimmel, zu dem ich ab und zu bewundernd emporblickte, nichts ändern. Carlo, der mit dem Essen fertig war, nahm zwei Tabletten und spülte sie mit einem Schluck Bier hinunter. Als ich ihn erstaunt ansah, meinte er knapp: „Nur Schlaftabletten!“. Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr – es war kurz vor acht. Ich war trotz des langen Tages überhaupt nicht müde. „Lassen sie uns schlafen gehen!“, sagte Carlo, nachdem wir unsere Teller gespült hatten, und marschierte zu seinem verbarrikadierten Zelt. Ich nahm meinen klapprigen Stuhl und postierte ihn hinter mein Zelt, da, wo es an die Sträucher und Bäume grenzte. Dann putzte ich mir die Zähne, kroch in mein Zelt, rutschte in meinen warmen Daunenschlafsack und versuchte zu schlafen. Aber ich starrte auf die dunklen Wände meines Zeltes. In der Ferne hörte ich ein fürchterliches Brüllen. Mein Frösteln verwandelte sich in Zittern, das meinen ganzen Körper ergriff. Und obendrein musste ich auch noch Wasser lassen!. Ich machte meine Taschenlampe an und fingerte nach der großen leeren Plastikflasche, die ich extra mitgenommen hatte, um in einer solchen Situation nicht das Zelt verlassen zu müssen. Beim Wasserlassen war ich sehr vorsichtig, damit ich nicht vor lauter Zittern den Schlafsack und das ganze Zelt vollspritzte.

Ich legte mich wieder hin und versuchte erneut zu schlafen. Aber mein Zittern ließ nicht nach – zudem breitete sich ein Zirpen und Fiepen in der kalten Stille aus, das immer lauter wurde. Mir war, als würden mich tausend Stimmen anschreien. „Carlo, ich habe Angst!“, rief ich zu ihm hinüber. „Versuchen sie zu schlafen!“, rief er zurück. „Aber verlassen sie auf keinen Fall ihr Zelt!“. Das waren die letzten Worte meines Guides in dieser Nacht. Wenige Minuten später, als ich sein Schnarchen hörte, wußte ich: „Ich bin allein in der Wildnis“.

Die vielen Stimmen um das Zelt wurden immer lauter und bedrohlicher. Mir schien es, als würde die Wildnis, die tagsüber so idyllisch und verschlafen gewirkt hatte, nachts zu ihrem eigentlichen Leben erwachen. „Und ich bin mitten in ihr“, dachte ich, während ich wieder nach meiner sich füllenden Plastikflasche griff. „Das einzige, was mich von ihr trennt, ist das dünne Tuch meines Zeltes“. Die Zeit verging grauenhaft langsam bei solchen Gedanken, zumal die immer kälter werdende Nacht sich zunehmend in meinen Körper und meine Seele fraß. „Warum musste ich mich auch hierher wagen bei meiner Suche nach den letzten Buschmännern?“, ging es mir durch den Kopf. „Die gibt es doch gar nicht mehr“, überlegte ich weiter, „wenn ich das richtig verstanden habe, was mir die seßhaft gewordenen Buschmänner gestern in Xade erzählten.“ „Die Photos von Buschmännern im Lendenschurz“, dachte ich enttäuscht und wütend zugleich, „die mit großen Fleischstücken auf den Schultern von einer erfolgreichen Jagd zurückkehren, die ich in einem Reiseführer gesehen hatte und die mich wegen ihrer urtümlichen Schönheit faszinierten, waren wohl zwanzig Jahre alt und gehören unwiederbringlich der Vergangenheit an“.

Ein beängstigendes Geräusch, das neu zu dem sowieso schon beunruhigenden Gewirr von Stimmen hinzu kam, unterbrach meine Gedanken. Was war das? Es klang wie das Scharren von Pfoten und das Hecheln von Zungen. Das Schlimmste aber war: sie waren unmittelbar an meinem Zelt – und sie wurden immer lauter. Ich legte meine Arme auf die beiden schweren und großen Taschen, die ich links und rechts neben den Schlafsack gestellt hatte. Rochen sie den Fisch in den Konserven meiner Taschen – oder rochen sie mich?. Und ausgerechnet jetzt musste ich schon wieder zu meiner Plastikflasche greifen!. Hatte ich zuvor noch meine Taschenlampe benutzt, um die Öffnung der Flasche nicht zu verfehlen, so traute ich mich das jetzt nicht mehr. Dass ich mich und den Schlafsack vollspritzte, war so natürlich unvermeidlich. Draußen vor dem Zelt wurde währenddessen das Scharren und Hecheln lauter und bedrohlicher – ich fühlte mich regelrecht eingekreist. Ungläubig und hoffnungsvoll blickte ich wie hypnotisiert auf das Tuch des Zeltes, das mich schützend umhüllte. „Seltsam“, grübelte ich, „dass so ein dünner Stoff die Bestien draußen davon abhält, mich anzufallen, wo sie ihn doch eigentlich ganz leicht mit ihren scharfen Krallen und spitzen Zähnen zerreißen könnten!“. Nach einiger Zeit schien es mir, als ob sie sich vor dem Eingang meines Zeltes zusammenrotteten, um mich von dort aus anzugreifen. Ich begann, mir schon vorzustellen, wie das wäre, wenn ich im Mondlicht in ihre hungrigen Mäuler und Augen sehen würde. Bei dem Gedanken daran begann ich, mich vorsichtig aufzurichten und mich mit gekreuzten Beinen auf den Schlafsack zu setzen. „Ist das wirklich mein Ende“, fragte ich mich, „hier in der Wildnis von Raubtieren zerrissen zu werden?“. „Was bleibt dann von mir übrig“, sinnierte ich weiter, „höchstens Knochen oder Splitter von Knochen“. „Aber was wird aus meiner Seele?“, dachte ich in die Eiseskälte hinein. „Wird sie zusammengefaltet wie mein Regencape? Aber dann?“. Bei diesen Gedanken klappte ich mit meinen frierenden Fingern die Klinge des Taschenmessers aus, das ich aus meinem Rucksack gezogen hatte. „Wenn das mein Ende sein soll, dann ist es das eben“, überlegte ich entschlossen, „aber kämpfen will ich wenigstens!“. „Vor einigen Tagen habe ich noch Kalahari Tornedos mit Carlo in Windhoek gegessen“, dachte ich sarkastisch, „und jetzt bin ich in Gefahr, selbst zu einem zu werden“.

Den höllischen Geräuschen draußen zum Trotz lenkte ich meinen geistigen Blick noch weiter zurück. „Habe ich in letzter Zeit jemanden bewußt verletzt oder ausgenutzt?“, fragte ich mich gefaßt, wenngleich noch immer zitternd vor Kälte. „Nicht bewußt“, dachte ich nach einiger Zeit des Überlegens. Beinahe gleichmütig schaute ich mit gekreuzten Beinen, der abgeschalteten Taschenlampe in der linken Hand und dem aufgeklappten Taschenmesser in der rechten, auf den Eingang des Zeltes, wo sich das Unheil immer lauter zusammenzubrauen schien. Jeden Augenblick rechnete ich damit, dass die Raubtiere, so fremd ihnen das Zelt auch sein mochte, ihre Scheu davor überwinden würden, um es zu zerfetzen und sich dann auf mich zu stürzen. Aber nichts dergleichen geschah! Im Gegenteil, fast mit einem Schlag wurde es ruhig. Freudig überrascht kroch ich zurück in meinen Schlafsack und lauschte der plötzlich eingetretenen Stille.

Da ertönt hinter meinem Zelt ein lautes grauenerregendes Fauchen, und gleichzeitig hörte ich, wie sich zwei große Pranken in den Stoff des Klappstuhls bohrten und ihn zerrissen. „Er ist da!“, durchzuckte es mich in Todesangst, „The Lion Doesn’t Sleep Tonight“. Mein Herz schlug so schnell, als wollte es aus meinem hellwachen Körper springen. In den Sekunden jedoch, in denen ich hörte, ja spürte, wie sich der mächtige Körper der Raubkatze an der Seite meines Zeltes vorbeischob, stoppte ich, durch den Mund zu atmen und bewegte mich keinen Millimeter – dabei heftete ich meinen Blick voller Bangen auf die dünne Zeltwand, die mich von dieser lebenden Zerstörungsmaschine trennte. Als ich merkte, dass die große Katze mein Zelt passiert hatte, holte ich so erleichtert Luft, als wäre dies der erste Atemzug meines Lebens. Aufs äußerste gespannt lauschte ich ihren weiteren Schritten. Sie schien in Richtung Lagermitte zu gehen, bevor sich ihr Weg in der eisigen Nacht der Kalahari verlor. Nach kurzer Zeit registrierte ich die übliche Geräuschkulisse aus Zirpen, Piepen und Surren, die mir nach den Ereignissen der letzten Minuten und Stunden harmlos vorkam.

Ruhig, aber müde lag ich in meinem warmen Schlafsack, wenngleich ich immer noch fröstelte. Ab und zu griff ich beim Schein der Taschenlampe nach meiner Plastikflasche, die mittlerweile fast voll war. Ich weiß nicht, wieviel Zeit vergangen war, als ich merkte, dass es hell wurde. Als ich draußen Carlo rufen hörte: “Haben sie gut geschlafen?“, wußte ich, dass ich diese Nacht überstanden hatte.

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Über dieses Werk

 

Seltsame Berührungen

ZERO-Verlag

96 Seiten, gebunden

farbiger Schutzumschlag

15 Euro

ISBN 3-00-008594-7

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